halloherne.de lokal, aktuell, online.
Traumpaar mit Hindernissen: Natalia Labourdette (Cunegonde) und Paul Curievici (Candide). Foto: Björn Hickmann

Loriot-Version mit Götz Alsmann

Leonard Bernsteins „Candide“ in Essen

Alles steht zum Besten in der besten aller möglichen Welten und: Was immer ist, ist recht. Gegen diese von Gottfried Wilhelm Leibniz maßgeblich vertretene Eldorado-Philosophie hat der französische Aufklärer Voltaire 1759 seine satirische Novelle „Candide ou l’optimisme“ geschrieben. Darin wird der Titelheld, ein gutmütiger Tropf aus „Westphalia“, von seiner Geliebten Cunegonde getrennt und in die Welt geworfen. Nach einer wahren Odyssee mit Krieg, Erdbeben und Inquisition erkennt Candide: Das Leben ist weder gut noch schlecht, es will einfach nur gelebt werden.

Liebeserklärung an die europäische Musik

Leonard Bernstein hat daraus Mitte der 1950er Jahre unter dem Einfluss der politischen Situation, insbesondere der McCarthy-Tribunale gegen „unamerikanische Umtriebe“, vor denen auch seine Librettistin Lillian Hellman als angebliche Kommunistin angeklagt wird, eine verhalten optimistische „American Operetta“ gemacht, zugleich eine Liebeserklärung an die europäische Musik von Bach über Rossini und Gounod bis hin zu Mahler, von der Gavotte über Mazurka und Polka bis hin zum Walzer.

Im Schatten der „West Side Story“

Nach der Uraufführung am 29. Oktober 1956 in Boston brachten auch 73 Vorstellungen en suite ab Februar 1957 am Broadway unter der Leitung Bernsteins als neuem Ko-Dirigenten der New Yorker Philharmoniker nicht den gewünschten Erfolg: „Candide“ wurde rasch von der parallel entstandenen, am 19. August 1957 in Washington uraufgeführten „West Side Story“ in den Schatten gestellt. Was bis heute auch für die Spielpläne deutscher Opernhäuser gilt, so kann ich mich mit Blick aufs Revier nur an eine eher lärmende denn ironische oder gar satirische Inszenierung Gil Mehmerts zum Auftakt der Intendanz von Michael Schulz am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier erinnern.

Drei gute Entscheidungen

Von der höchst problematischen deutschen Fassung ganz abgesehen konnte im Oktober 2008 nur Rasmus Baumann am Pult punkten: Bernsteins Partitur ist sowohl für das Orchester als auch für die Sänger so klippenreich wie Kap Hoorn. Da ist die Originalsprache schon ‘mal eine gute Entscheidung des weiblichen Aalto-Dreigestirns aus den Dramaturginnen Laura Bruckner und Elena Wachendorf sowie Marijke Malitius, für die szenische Einrichtung der konzertanten Aufführung verantwortlich. Weil Vicco von Bülow ganz recht hat, wenn er sagt, dass „Candide“ das einzige Stück ist, „dessen Inhaltsangabe, rasch vorgelesen, ebenso lange dauert, wie das Musical selbst“, ist die Entscheidung, auf den stark reduzierten Erzähltext Loriots zu setzen, das zweite große Plus.

Charakteristische Haartolle, unvergleichliche Stimme: Götz Alsmann als Erzähler.

Die dritte gute Entscheidung ist, den neben Voltaires Novelle auch Hugh Wheelers Drehbuch des Musical-Films „Candide“ von Humphrey Burton aus dem Jahr 1991 adaptierenden Text Loriots von Götz Alsmann vortragen zu lassen. Der es sich zwischendurch auf dem berühmten grünen Sofa rechterhand bequem macht und mit seiner unverwechselbaren Stimme, aber auch seiner erstaunlich unprätentiösen, aber ungemein witzigen Art dem Publikum einen steifen Nacken bei der Lektüre der Übertitel erspart.

Großartige Musik

Schließlich werden bedeutende philosophische Fragen verhandelt in den großartigen Musiknummern, die allein bis zur Pause auf die phantastische Ouvertüre folgen: Vom Duett „Oh, Happy We“ zwischen Candide (der britische Tenor Paul Curievici) und Cunegonde (herausragend: die spanische Sopranistin Natalia Labourdette, ehemaliges Mitglied des Opernstudios NRW) über die Trauerarie „Candide’s Lament“ und Cunegondes Koloratur-Arie „Glitter and Be Gay“ bis hin zum hoffnungsfrohen „Quartet Finale“ (ein Ereignis auch in der Polka „We Are Women“: doe Mezzosopranistin Almerija Delic, Gast vom Staatstheater Nürnberg, als feurige Old Lady) zum Ende des 1. Aktes.

Konzertante Aufführung

Mehr noch: So kann sich das Dutzend hervorragender Gesangsolisten auch mimisch und gestisch bewähren auf der großen Spielfläche des abgedeckten Orchestergrabens. Unbedingt zu erwähnen der kanadische Bass-Bariton Karel Martin Ludvik aus dem eigenen Ensemble, ein großer Komödiant sowohl als daueroptimistischer Dr. Pangloss als auch als pessimistischer Martin („Words, Words, Words“). Nicht zu vergessen der Chor, der sich immer wieder auszeichnen kann, so etwa im 2. Akt an der Seite Candides in der Eldorado-Ballade.

Genug der Details, die nur dem Zweck dienen, aufzuzeigen, wie vielfältig Leonhard Bernsteins Komposition ist, die in Essen in den besten Händen des musikalischen Leiters Per-Otto Johanssons liegt. Der schwedische Dirigent ist Generalmusikdirektor am Landestheater Detmold. „Candide“ wieder neu belebt zu haben durch die geniale Verbindung aus Voltaire, Bernstein und Loriot, die knapp dreistündige Premiere am 22. Februar 2026 war triumphal für alle Beteiligten, ist ein großes Verdienst der in der veröffentlichten Meinung häufig gescholtenen Aalto Oper.

Karten

Karten gibt es auf der Theater-Homepage oder per Tel 0201 – 81 22 200.

Die weiteren Vorstellungen

  • Sonntag, 1. März 2026, um 16:30 Uhr (wenige Tickets)
  • Sonntag, 15. März 2026, 16:30 Uhr
  • Montag, 6. April 2026, 18 Uhr
  • Sonntag, 10. Mai 2026, 18 Uhr
März
15
Sonntag
Sonntag, 15. März 2026, um 16:30 Uhr Aalto-Musiktheater, Opernplatz 10, 45128 Essen
Weitere Termine (2) anzeigen...
  • Montag, 6. April 2026, um 18 Uhr
  • Sonntag, 10. Mai 2026, um 18 Uhr
Vergangene Termine (1) anzeigen...
  • Sonntag, 1. März 2026, um 16:30 Uhr
Dienstag, 24. Februar 2026 | Autor: Pitt Herrmann