Erhellende musikalische Zeitgeschichte
'Kreislers kalte Füße' im Schauspielhaus
„Dann geht’s mir gut“: Die Schauspielerin und (klassisch ausgebildete) Sängerin Veronika Nickl mit weinroter Schürze serviert in den zur „Hotel zur Traube“ mutierten Kammerspielen Bochum ihren beiden musikalischen Mitstreitern, dem Schlagzeuger Mickey Neher („Bochum“, „Club des Belugas“) und dem blinden Pianisten und Akkordeon-Virtuosen Jörg Siebenhaar („Mit anderen Augen“), die zwischen Bühne und Parkett auf typischen Wiener Kaffeehausstühlen sitzen, die georderten Getränke. Der Rest im einmal mehr sehr gut besuchten „Kleinen Haus“ an der Königsallee geht freilich leer aus.
Wäre auch nicht anders möglich, denn gleich geht’s mit dem kurzen Stanzerl „Das Mädchen mit den drei blauen Augen“ weiter, das wie der Dauerbrenner „Tauben vergiften“ zu den sogenannten Everblacks gehört, die Georg Kreisler (1922 – 2011) für seine Programme und Alben mehrfach neu interpretiert und arrangiert hat.
Genialer Komponist und Texter
Dieser geniale Komponist und Texter humorvoller, oft zärtlicher und verzweifelter, auch mal böser, hin und wieder absurder und manchmal anarchischer Lieder ist als jüdischer Österreicher geboren worden. Mit dem Anschluss der Heimat Adolf Hitlers ans Tausendjährige Reich wurde er 1938 unfreiwillig Deutscher, um 1943 ganz freiwillig die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.
Georg Kreisler war wie sein Landsmann Thomas Bernhard ein scharfzüngiger Wien-Verächter. Und doch zugleich ganz Wiener, wovon zahllose Lieder und selbst „Wien ohne Wiener“ zeugen. „Der Tod, das muss ein Wiener sein“: Seine schmerzhafte Biographie als politisch Verfolgter, aber auch als vierfach Verheirateter, die uns Veronika Nickl in Wort und Bild näherbringt, erzählen uns aus dem 20. Jahrhundert und sind heute noch immer erschreckend aktuell: „Am besten wär´s, die Russen bleib´n in Russland stehen, und die Chinesen bleib´n in China, dort ist´s schön! Denn so ein Krieg ist doch auf kein´n Fall gsund – mir kann´s ja wurscht sein. Aber sagn´S, was macht mein Hund?“
Lieder, die keine Lieder sind
„Ich weiß nicht, was soll ich bedeuten“ lautet der Titel eines seiner Bücher. Der ungemein vielfältige, „Kreislers kalte Füße“ betitelte Abend offenbart, dass der, so der gefürchtete Theaterkritiker Hans Weigel, „Dichterkomponistchansonnierpianist“ sehr wohl sehr viel bedeuten kann, als witzig-ironischer Wortakrobat ebenso wie als unermüdlicher Mahner und Warner.
Der Hawelka-Kaffeehausliterat schrieb 1962 über Kreisler diese wahren Worte: „Sie sind Lieder, die keine Lieder sind, sondern Chansons, die keine Chansons sind; sie sind sowohl lyrische Dichtungen mit Musikbegleitung als auch Musikstücke mit Textbegleitung, aber sie sind weder das eine noch das andere wirklich. Sie sind heiter, aber auch tiefgründig, ihr Pessimismus ist amüsant, ihre Spaßhaftigkeit beängstigend; und wenn wir genau wüssten, was das eigentlich bedeutet: kabarettistisch, dann könnten wir sagen, dass sie nicht kabarettistisch sind.“
Aus der Hölle ins Paradies
„Aus der Hölle ins Paradies“: Kreisler, der als Fünfzehnjähriger seiner Familie das Leben rettete, indem er 1938 Visa für die USA besorgte, kam in der Neuen Welt erstmals mit Jazz und Swing in Berührung. Seine Begeisterung trübte aber seinen Blick auf die Realität des Exils in keiner Weise: Das von Friedrich Hollaender geschriebene melancholische Chanson „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ begleitet eine heitere Episode in schrecklicher Zeit, die Schilderung Georg Kreislers der Silvesterfeier 1941 in Hollywood in der Villa seines Schwiegervaters mit Marlene Dietrich: „Es fehlte an nichts – nur an der Wirklichkeit.“
Kreisler kann in Los Angeles mit Charly Chaplin und Hanns Eisler arbeiten, widersteht aber der Verlockung der Metropole New York nicht, wo er sich als Nachtclub-Pianist mehr schlecht als recht über Wasser hält und Mitte der 1950er Jahre nach Wien zurückkehrt. Doch der Mittdreißiger wird in seiner Heimat nicht heimisch, geht nach mit seiner dritten Gattin, der Operetten-Soubrette Topsy Küppers, nach München, um sich schließlich an der Seite seiner vierten Ehefrau Barbara Peters in Berlin ganz dem Kabarett zu verschreiben.
Das gibt es nur in Gelsenkirchen
Unter den Songs des kurzweiligen, viel zu kurzen Abends wirkt das Spottlied „Das gibt es nur in Gelsenkirchen“ wie ein Fremdkörper – zumal ohne Erklärung fürs Publikum. Es hat einen autobiographischen Hintergrund: Kreisler verfasste dieses Pamphlet auf die Revierstadt 1961, nachdem seine aktuelle Gattin Topsy Küppers von der Leitung der Städt. Bühnen, deren Ensemble damals mit Tana Schanzara und Waldemar Mauelshagen auch zwei Herner Schauspieler angehörten, gefeuert worden war.
„Banalität des Bösen“: Veronika Nickl garniert ihre zeitgeschichtlich eingeordnete Biographie Georg Kreislers zwischendurch mit einer Prise Hannah Arendt. Dazu der Hinweis, dass der Dokumentarfilm „Denken ist gefährlich“ (2025) von Maia Harris, Jeff Bieber und Chana Gazit, der Leben und Werk der deutsch-amerikanischen Publizistin nachzeichnet, am Dienstag, 3. März 2026, um 15 Uhr im Rahmen des Kommunalen Kinos der Volkshochschule im Casablanca Bochum läuft.
Repertoire-Dauerbrenner
Fast zwei Jahrzehnte nach dem unvergessenen Doppelabend „Ist das normal? Ist das erlaubt?“ mit den alten bösen Liedern des Wiener Kosmopoliten Georg Kreisler und den frechen Gassenhauern der aus Gelsenkirchen stammenden Berliner Chansonette und Kabarettistin Claire Waldoff – mit Tana Schazara und Veronika Nickl – gibt es in den Bochumer Kammerspielen wieder ein szenisch-musikalisches Ereignis zu feiern, das nach der Premiere am 6. März 2025 im intimen Oval Office-Keller des Schauspielhauses Bochum ständig ausverkauft war und deshalb ab 9. Juli 2025 ins größere „Kleine Haus“ verlegt wurde.
Die nächsten Vorstellungen des Repertoire-Dauerbrenners: Am Donnerstag, 5. März 2026, und am Samstag, 28. März 2026, jeweils um 19.30 Uhr, Karten unter schauspielhausbochum.de oder Tel. 0234/33335555.
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- Donnerstag, 5. März 2026, um 19:30 Uhr
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- Dienstag, 3. März 2026, um 15 Uhr