Król, Kino und Kumpels

Wessel legt Herner Bildband vor

Friedhelm Wessel Bildband: 'Zeitwaise'.
Friedhelm Wessel Bildband: 'Zeitwaise'. Foto: Friedhelm Wessel

Eine Stadt ohne Prunk, aber mit vielen reizvollen Ecken und liebenswerten Menschen – so charakterisierte einst Oberbürgermeister Robert Brauner 'sein Herne'. Und getreu dieser Marge legt nun der Herner Journalist und Fotograf Friedhelm Wessel einen mehr als interessanten Bildband über unsere Stadt vor -Herne in historischen Fotografien - zeigt rund 160 zumeist unveröffentlichte Aufnahmen aus den 1950er bis 1990er Jahren, die zum Neu- und Wiederentdecken einladen. Die Lektüre dieses 120-seitigen Büchleins, das auch mehrere vertiefende Texte enthält, stellt – und das lässt sich ohne Übertreibung sagen – quasi ein Muss für jeden Pohlbürger dar.

Friedhelm Wessel hat mit „Bor!“ eine neue Anthologie herausgebracht.
Friedhelm Wessel. Foto: Brigitte Wessel

In dreizehn Kapiteln führt Wessel nicht nur in die bekannten Ecken mit Bahnhofstraße, Rhein-Herne-Kanal und Revierpark Gysenberg ein. Eigene Abschnitte sind den Autos der Fünfziger Jahre, dem weit über die Stadtgrenzen hinaus Vorbild gebenden Krankenhausfunk „Forum 7“ um Pfarrer Götz Kratzenstein und den ehemals so zahlreich vertretenen Eckkneipen gewidmet. Typen wie Buddelschiffbauer Jonny Reinert und dem zaubernden Pädagogen Alfred Zauskewitz werden in Kurzporträts liebevoll gewürdigt. 18 Seiten allein sind den heimlichen Helden unserer Stadt in größter Wertschätzung ihrer harten und auch gefährlichen Arbeit vorbehalten: Den Männern von den Pütts wie Mont Cenis und Friedrich der Große.

Zwölf pralle Seiten sind der Kultur verschrieben, den musischen Söhnen der Stadt wie Kurt Edelhagen, Jürgen Marcus und Jürgen von Manger. Die Damenwelt ist spärlicher mit Tana Schanzara und Silvia Droste vertreten. Über Bergmannssohn Joachim Król und seine frühe Liebe zur Mimenkunst wird dahingehend berichtet, als dass er in der Lichtburg Kinoplakate erhielt, die ihm die grässliche Tapete in seiner Stube, so O-Ton Król, eliminierten. In den besten Zeiten dieses Genres gab es in unserer Stadt 13 Kinos. Was anzumerken wäre: Bildende Künstler wie Robert Imhof und die Gesing-Brüder fehlen in diesem Kapitel, ebenso wie die Charakterdarsteller Heinz Rühmann und Ernst Schröder.

Friedhelm Wessel Bildband: 'Herne in historischen Fotografien'.
Friedhelm Wessel Bildband: 'Herne in historischen Fotografien'. Foto: Friedhelm Wessel

Seit 1970 ist Friedhelm Wessel im Ruhrgebiet als Spurensucher unterwegs. Vielseitig und auch vielschreibend ist der 77-Jährige den sechs großen K des Reviers, wie er formuliert, auf der Fährte: Kohle, Kicker, Kolonie, Kumpels, Kanal und Kino. Erschien 2006 sein erstes Buch, so sind es mittlerweile rund dreißig. Dieser Autor begab sich auch in eigener Sache sozusagen auf Wurzelsuche. Davon berichtet er in dem halb autobiografischen Roman „Zeitwaise“. Humor und klassisches Ruhrgebietskolorit begleiten den Ich-Erzähler an verschiedene Orte des Reviers wie auch ins Sauerland, nach Hessen und Ostwestfalen. Nach Erkenntnis von Experten waren rund zwei Millionen Kinder nach 1945 auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern bzw. einem Elternteil. Wessel ist einer von ihnen und sein Schriftstück unprätentiös, schnörkellos und spannend geschrieben.

Friedhelm Wessel, Herne in historischen Fotografien, Sutton-Verlag 2020, ISBN 978-3-96303-252-3, 19.99 Euro; Wessel, Friedhelm, Zeitwaise, Paashaas-Verlag 2015, ISBN-978-3-945725-26-9, 9.90 Euro

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