Königskinder am MiR in Gelsenkirchen

Nüchterner Blick auf unsere Welt

Königskinder: Martin Hombrich und Bele Kumberger in den Titelpartien.
Königskinder: Martin Hombrich und Bele Kumberger in den Titelpartien. Foto: Bettina Stöß

Eine Gänsemagd mit goldenem Haar (lange Zöpfe unterm Kopftuch: Bele Kumberger macht bella figura in folkloristischem 70er-Jahre-Outfit), die elternlos in der Abgeschiedenheit des Waldes aufwächst, wünscht sich nichts sehnlicher, als die Einsamkeit hinter sich zu lassen und mit anderen Menschen sprechen zu können. Eines Tages kommt ein junger Mann vorbei, der sich als Königssohn (im Business-Anzug unserer Tage: Martin Homrich) ausgibt. Fasziniert von der Schönheit und der naiven Natürlichkeit der jungen Frau möchte er mit ihr in sein Schloss zurückkehren, um die Magd zur Königin zu krönen. Doch sie kann sich nicht von der Großmutter (Paradepartie für die große Komödiantin Almuth Herbst auch und gerade als Wirtstochter), die sie aufgenommen hat, lösen.

Königskinder: Hier geht es der als Wirtstochter verkleideten Hexe (Almuth Herbst) an den Kragen.
Königskinder: Hier geht es der als Wirtstochter verkleideten Hexe (Almuth Herbst) an den Kragen. Foto: Bettina Stöß

Ein unsichtbares Band scheint sie bei der als Hexe verschmähten Alten zu halten, sodass der Königssohn im Streit scheidet. Da taucht ein Spielmann (Luftikus nicht nur als Instrumentalist: Pedro Ostapenko mit keckem Federhut) auf, der das Mädchen sogleich mit einem Königskind vergleicht und deren Herkunft erzählt. Die Magd und der Spielmann samt seinem Gefolge aus klugen, weitsichtigen Kindern machen sich auf, den Königssohn zu suchen. Der ist in der Stadt als Schweinehirt in Stellung gegangen. Als er seine Königin krönt, werden beide Opfer eines gewalttätigen Mobs,..

Königskinder, Engelbert Humperdincks 1910 an der Metropolitan Opera in New York uraufgeführte Oper (The Royal Children) nach dem Kunstmärchen von Elsa Bernstein (alias Ernst Rosmer), galt in der zeitgenössischen Kritik als Krone des deutschen nachwagnerischen Opernschaffens. In der Tat sind die Bezüge zu Richard Wagner, dessen Assistent Humperdinck über zwei Spielzeiten in Bayreuth war, nicht zu überhören. Auch weil der musikalische Leiter Rasmus Baumann die Anklänge an Meistersinger, Tristan und Isolde“und Parsifal genussvoll-opulent zelebriert.

Für Thomas Ribitzki ist seine erste Inszenierung in Gelsenkirchen zugleich eine Rückkehr ans Musiktheater im Revier, denn der Halterner war MiR-Praktikant, bevor er in Bochum das Studium der Theater-und Medienwissenschaft aufnahm. Er hat als Regieassistent und Spielleiter im österreichischen Linz, in Hannover und zuletzt an der Komischen Oper Berlin gearbeitet, wo ihm der Intendant Barrie Kosky u.a. die szenische Einstudierung seiner Zauberflöte in halb Europa und den USA übertrug. Im Mittelpunkt seiner dreistündigen Inszenierung stehen zwei am Kennedyplatz auch gesanglich starke Frauen: Zum einen die junge Gänsemagd, die in der Begegnung mit dem Königssohn und der ihr folgenden höchst emotionalen Auseinandersetzungen zur Frau heranreift. Zum anderen ihre vermeintliche Großmutter, deren (Doppel-) Rolle in der MiR-Neuproduktion, die am 24. November 2018 Premiere im Großen Haus feierte, erheblich aufgewertet worden ist.

Thomas Ribitzki sieht in Humperdincks spätromantischem Hauptwerk, das freilich seit Jahrzehnten kaum noch auf den Spielplänen steht, gleichermaßen auch die Coming-of-Age-Geschichte des Königssohnes, der in die Welt zieht, um erwachsen zu werden. Schließlich und vor allem ist Königskinder für ihn ein Märchen für Erwachsene, bei dem das Gute mit dem Bösen streitet, personifiziert in der pessimistischen Hexe, die – ja nicht ganz zu Unrecht, wie sich am bitteren Ende zeigt - überall Gemeinheit und Verrat fürchtet, und in dem optimistischen Spielmann, der stets nur das Schöne im Menschen sieht und wie der Rattenfänger von Hameln eine muntere Kinderschar (Ovationen für den Opern-Kinderchor der Chorakademie Dortmund) hinter sich versammelt. Was man in diesen unseren Zeiten durchaus auch kritisch sehen kann.

In der ernüchternden Bühne der Ausstatterin Kathrin-Susann Brose, einer betonierten Bahnhofs-Durchgangssituation mit Treppen, Bänken und überquellenden Papierkörben, offenbart sich eine kaltherzige Gesellschaft, noch zu nennen Urban Malmberg als Holzhacker, Tobias Glagau als Besenbinder und John Lim als Wirt, welche im Gegensatz zu den Kindern die innere, die wahre Schönheit der beiden Königskinder nicht erkennt. Tobias Ribitzkis am Premierenabend mit kräftigen Buh-Rufen quittierte nüchtern-realistische Sicht auf den in unsere Gegenwart transponierten Märchenstoff setzt freilich nur eine vor allem beim älteren Publikum stets höchst umstrittene Humperdinck-Rezeption am MiR fort, erinnert sei an die beiden letzten Inszenierungen der Märchenoper Hänsel und Gretel 1998 von Carin Marquardt und 2010 von Michiel Dijkema.

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Donnerstag
Donnerstag, 29. November 2018, um 19:30 Uhr MIR - Musiktheather im Revier , Kennedyplatz 1 , 45881 Gelsenkirchen Königskinder stehen wieder am 29. November, 2., 8., 14., 15. und 26. Dezember 2018, 12. Januar, 24, Februar und 3. März 2019 auf dem Spielplan des Großen Hauses, Karten unter webshop.musiktheater-im-revier.de oder unter Tel 0209 – 40 97 200.
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