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Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat zeitlebens versucht, ihr Bild in der öffentlichen Wahrnehmung zu steuern – zumeist vergeblich.

Sandra Hüller improvisiert Ingeborg Bachmann

Jemand, der ich einmal war

„Ich habe einen Grad von Denkenmüssen erreicht, an dem Denken nicht mehr möglich ist“ schreibt Ingeborg Bachmann in ihrem Roman „Malina“, der zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin neu ediert worden ist zeitgleich zum Kinostart eines ungewöhnlichen Films: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ ist ein hybrider Dokumentarfilm von Regina Schilling, in dem Sandra Hüller die Texte der österreichischen Schriftstellerin (1926 Klagenfurt – 1973 Rom) geradezu körperlich erfahrbar macht.

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Dabei ist der anderthalbstündige Film, der sich vor allem auf das letzte Lebensjahr in Rom konzentriert, kein Biopic: Gedreht in einer dem Original ähnlichen römischen Wohnung vermeidet Sandra Hüller in den farbigen und schwarz-weißen Spielszenen jedes Reenactment. Die Schauspielerin improvisiert mit dem Material der Schriftstellerin, nähert sich ihr vielleicht in der Haltung an, nicht aber in der Person, weder im Aussehen noch in der Sprache.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden im Jahr 1959 konstatierte Ingeborg Bachmann: „Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zu Wege bringen, dass uns in diesem Sinn die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“

Mit einem kunstvollen Geflecht aus improvisierten Szenen, Archivschätzen, Interviews und Bachmanns eigenen Texten blickt der Film auf zentrale Lebensphasen der Autorin zurück – von der Kriegskindheit in Kärnten, dem Aufstieg zum Star der „Gruppe 47“ Mitte der 1950er Jahre bis zu den letzten Tagen in Rom. Ingeborg Bachmanns literarischer Weg ist gezeichnet von ihrem unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen, ihr persönlicher Weg von ihren komplizierten Beziehungen zum jüdischen Dichter Paul Celan, zum queeren Komponisten Hans Werner Henze sowie zum etablierten, erheblich älteren Schriftsteller Max Frisch.

Sandra Hüller improvisiert in einer römischen Wohnung die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann – und hält damit in Sprache, Aussehen und Haltung bewusst verfremdende Distanz im Brechtschen Sinn.

Ich existiere nur, wenn ich schreibe

Der Weg einer tief verletzten Frau mündete in zunehmenden Tabletten- und Alkoholmissbrauch, nachdem sie sich in Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von 1964 wiedererkannte. „Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ich bin nicht, wenn nicht ich schreibe. Bin mir vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe“, gab Ingeborg Bachmann 1972 in ihrer Dankesrede für den Anton-Wildgans-Preis preis.

Die Drehbuchautorin und Regisseurin Regina Schilling im Weltkino-Presseheft: „Sandra Hüller bringt uns eine Ingeborg Bachmann nahe, die auf ein großes, reifes Werk zurückblickt. Es ist das Jahr 1973, die Publikation von ‚Malina‘ liegt zwei Jahre zurück, seitdem hat Bachmann zwar Auszeichnungen erhalten, Interviews gegeben, einen weiteren Erzählband veröffentlicht, aber sie hat keine Balance, keine stabile Identität als Künstlerin, als Frau. Sie lebt in Rom und denkt an Wien. Ihre Wohnung ist Zuflucht und Gefängnis zugleich. Explizit vermeidet der Film, den Tag, den wir mit ihr verbringen, zum letzten Tag ihres Lebens zu machen. Über ihren Tod wurde genug spekuliert.“

Montage-Buch für Geisterbeschwörung

Regina Schilling hat im Vorfeld Ton- und Filmaufnahmen gesichtet und Radio-Kritiken gehört für ein Montage-Buch, das als Vorlage für Sprachaufnahmen mit Sandra Hüller und einem anschließenden Dreh in Rom diente. Die Schauspielerin hatte dort einen Knopf im Ohr, hörte den Texten von Ingeborg Bachmann zu und spürte der Schriftstellerin nach. „In einer Art Seance, einer Geisterbeschwörung“, so Regina Schilling, wurde gedreht, in einer dem historischen Vorbild ähnlichen Wohnung, in den Straßen Roms, am Meer und in der etruskischen Nekropole Cerveteri. Schilling: „Ich inszenierte nicht, wir improvisierten. Wir probten nicht, wir probierten aus – eine äußerst fruchtbare Kollaboration.“

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Gedreht im Juni 2025 in Rom und Deutschland ist der 95-minütige Film am 6. Mai 2026 als Eröffnungsfilm des Dokfest München uraufgeführt und anschließend auf weiteren Festivals gezeigt worden, so erhielt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ den Hauptpreis beim Kinofest Lünen. Zum Kinostart am 25. Juni 2026 ist er bei uns im Casablanca Bochum, in den Schauburg-Häusern Dortmund und Gelsenkirchen, in der Lichtburg Oberhausen, dem Filmstudio Glückauf Essen sowie im Bambi Düsseldorf zu sehen.

Mittwoch, 24. Juni 2026 | Autor: Pitt Herrmann