'Verflucht normal' trotz Tourette
'Fuck the Queen!'
„Fuck the Queen!“: Bei der feierlichen Verleihung des Order of the British Empire kommt es 2019 in Edinburgh zu einer auf den ersten Blick empörenden Szene, als einer der Auszuzeichnenden reichlich verspätet den Saal betritt und dann auch noch Queen Elisabeth II. beleidigt. Doch dem kurzen Aufschrecken des Auditoriums folgt bald nachsichtiges Schmunzeln: John Davidson, der von seiner Ziehmutter Dottie Achenbach förmlich in den Raum geschoben werden muss, ist dem Auditorium bekannt.
Rückblick: 1983 in Galashiels. Der 12-jährige John Davidson (Scott Ellis Watson) wächst in der schottischen Kleinstadt auf, steht im Tor einer Jugendmannschaft und gilt als Elfmeter-Killer. Sein Vater David (Steven Cree) setzt große Hoffnungen in ihn als kommenden Profi-Fußballer. Doch ein Talentscout reist kopfschüttelnd wieder ab, als er beim entscheidenden Fußballspiel sieht, dass John seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben scheint und jeden Ball ins Tor lässt.
Heftige Nerven-Ticks
John leidet plötzlich unter heftigen Nerven-Ticks. Wobei es ganz harmlos mit zwanghaftem Augenzwinkern begonnen hat, zu dem sich bald unkontrolliertes Zucken gesellt. Und dann ist der Tag gekommen, an dem er seine Mitschülerin Kerry (Abigail Noon) das erste Mal hemmungslos angeschrien hat: „Lutsch meinen Schwanz“.
In der Schule gilt er fortan als Freak, es hagelt Stockschläge. Auch am Esstisch daheim kommt es immer wieder zu Problemen, weil er um sich schlägt, spuckt oder flucht. Mit dem Ausbruch seiner viel später als Tourette-Syndrom erkannten und schließlich diagnostizierten Erkrankung hat sich Johns Leben von einem Tag auf den anderen geändert.
Fast 15 Jahre später lebt der arbeitslose John (nun Robert Aramayo) noch bei seiner inzwischen längst alleinerziehenden Mutter Heather (Shirley Henderson) und seinen drei Geschwistern. Der Mittzwanziger hat seine Erkrankung zwar akzeptiert, aber er muss so starke Medikamente nehmen, dass ihm die Nebenwirkungen fast jeden Lebensmut rauben. Erst die zufällige Begegnung mit den Eltern Dottie (Maxine Peake) und Chris (David Carlyle) seines Schulfreundes Murray Achenbach (Francesco Piacentini-Smith) bringt endlich die Wende.
Empathischer Hausmeister
Murray ist aus Australien in seine schottische Heimat zurückgekehrt, weil bei seiner Mutter Leberkrebs diagnostiziert wurde. Unabhängig und unbeeindruckt von dieser Diagnose, die ihr noch sechs Monate Lebenszeit einräumt, nimmt die in der Psychiatrie tätige Krankenschwester den Freund ihres Sohnes so, wie er ist. Auch wenn John ‘mal wieder von seinen Ticks überrumpelt wird, den Spiegel im Bad zerdeppert und unanständige Worte schreit, erkennt sie sein Verhalten als Symptom seiner Erkrankung.
Dottie macht John klar, dass er sich in ihrem Haus nicht für Dinge entschuldigen muss, für die er nichts kann. Immer mehr wird er Teil ihrer Familie und schließlich nehmen sie ihn ganz bei sich auf. So viel Verständnis Dottie für John aufbringt, so sehr will sie auch seine Unabhängigkeit fördern und verschafft ihm eine schließlich sogar feste Anstellung im von ihrer Freundin Irene (Jamie Marie Leary) geleiteten Langlee-Gemeindezentrum als Assistent des empathischen Hausmeisters Tommy Trotter (Peter Mullan), der im Laufe der nächsten Jahre zum wichtigsten Freund und Wegbegleiter für John wird.
Workshops und Aufklärungskurse
Mit dem neuen Gefühl von Unabhängigkeit und schließlich auch seiner eigenen Wohnung erlebt John aber auch neue Herausforderungen und Rückschläge. So wird er krankenhausreif geprügelt, weil sich eine junge Frau von seinen Tics beleidigt fühlte und ihre Freunde auf ihn hetzt, oder eine durch seine Tics verursachte Kneipenprügelei sorgt dafür, dass er vor Gericht landet.
Gleichzeitig aber wächst auch sein Selbstvertrauen und gibt ihm die Kraft, anderen Menschen zu helfen, die ebenfalls unter dem Tourette-Syndrom leiden. Als die Eltern der an Tourette erkrankten Tochter Lucy (Andrea Bisset) ihn um Unterstützung bitten, entsteht aus dem Austausch mit ihr die Idee, solche Gespräche für Betroffene auch im größeren Rahmen anzubieten.
Workshops für Betroffene
So beginnt John schließlich mit Unterstützung des Stadtrates Spalding (Gordon Peaston), Workshops für Betroffene zu organisieren, Aufklärungskurse anzubieten und auch bei den Behörden und der Polizei Aufmerksamkeit zu schaffen für einen besseren Umgang mit dem Tourette-Syndrom und daran Erkrankten.
Für seine unermüdliche Arbeit und seine Verdienste wird John 2019 von Queen Elisabeth II. (Christina Ashford) in den Order of the British Empire erhoben. Und 2023 von Barbara Morera (Caroline Valdés) verkabelt: Die wiss. Mitarbeiterin an der Universität Nottingham bezieht John in eine neue experimentelle Therapie ein. Für kurze Zeit darf er ausprobieren, wie es sich anfühlt, seinen Alltag ohne den dauernden inneren Druck des Tourette-Syndroms zu erleben – und traut sich erstmals, eine Bibliothek zu betreten und dort die Stille zu genießen…
Mit großem Humor erzählt
„I Swear“, so der Originaltitel dieses großartigen zweistündigen Films, der am 7. September 2025 beim Int. Filmfestival Toronto uraufgeführt wurde, rührt zu Tränen. Weil er zum einen auf einer wahren Geschichte, der gleichnamigen Autobiographie John Davidsons beruht. Die ganz britisch geerdet tröstet und zugleich Mut macht in einer Zeit egoistischer Selbstoptimierung in durchökonomisierten Konsumgesellschaften. Und zum anderen, weil der Autor und Regisseur Kirk Jones II nichts beschönigt, dabei aber mit großem Humor erzählt und nicht einen Hauch von Larmoyanz zulässt.
Zum Kinostart am Donnerstag, 28. Mai 2026 ist „Verflucht normal“ im Casablanca und Capitol (OmU) Bochum, in Sweetsixteen Dortmund, in der Schauburg Gelsenkirchen, im Filmstudio Glückauf Essen, in der Lichtburg Oberhausen und im Cinema Düsseldorf zu sehen.
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- Donnerstag, 28. Mai 2026