Ein Nussknacker-Traum in Gelsenkirchen

Plädoyer für eine bunte und friedliche Welt

Sarah-Lee Chapman, Sara Zinna, Hitomi Kuhara und Francesca Berruto.
Sarah-Lee Chapman, Sara Zinna, Hitomi Kuhara und Francesca Berruto. Foto: Bettina Stöss

Der portugiesische Gulbenkian-Tänzer und Choreograph Benvindo Fonseca, der 2016 am Musiktheater im Revier mit seiner Hommage an die Bergbau-Region auf die Zweite Sinfonie Ludwig van Beethovens, Dawn of an Announced End (Dämmerung eines angekündigten Niedergangs) in Bridget Breiners B hoch Drei vertanzt begeisterte, hat jetzt mit Ein Nussknacker-Traum erstmals ein Ballett für Kinder und Jugendliche ab acht Jahren kreiert.

Paul Calderone, Sara Zinna und Mason Manning.
Paul Calderone, Sara Zinna und Mason Manning. Foto: Bettina Stöss

Über den Wolken ist der Tanz grenzenlos: Am Beginn des äußerst kurzweiligen, etwa siebzigminütigen Balletts steht ein weihnachtliches Familienfest. Klara (alternierend Sara Zinna, Francesca Berruto und Lucia Solari) bekommt einen Nussknacker geschenkt, den sie im Traum zum Leben erweckt (alternierend Paul Calderone, Ledian Soto und Jose Urrutia). Doch nicht nur das: Nachdem er mit Klaras Hilfe die Armee des Mäusekönigs (Mason Manning) besiegen und damit auch den Fluch, der auf ihm lastet, brechen kann, wird aus dem Holzspielzeug ein junger Prinz, der das Mädchen mit in das Traumland der Zuckerfee (Tessa Vanheusden) nimmt...

Frei nach Motiven aus E.T.A. Hoffmanns allegorischem Kunstmärchen Nussknacker und Mausekönig sowie der Nacherzählung von Alexandre Dumas schafft Benvindo Fonseca eine eigene, multikulturelle Version des romantischen Balletts von Peter I. Tschaikowski. Zu dessen Divertissements, die hier am Kennedyplatz in phantasievoller Ausstattung von Jürgen Kirner (Bühne) und Thomas Lempertz (Kostüme) nach Spanien, Indien, Portugal und Afrika führen, lässt er neben charakteristischen Auszügen aus Tschaikowkis weltberühmter Komposition klassische Musik von Sergej Rachmaninov aus dem Off erklingen.

Aber auch Flamenco und Fado der spanischen Sängerin Mariza, indische Ragas des Sitar-Virtuosen Ravi Shankar und das hierzulande durch eine 2006er Einspielung mit Peter Maffay bekannte kreolische Lied Sodade von den Kapverdischen Inseln vor der afrikanischen Küste: Diese facettenreiche Weltmusik rückt das kindlich-fröhliche, schwungvoll-rhythmische und dabei immer wieder höchst anmutig getanzte Bühnengeschehen in unsere Gegenwart.

Paul Calderones feuriges, mit Ovationen belohntes Solo im Spanischen Tanz scheint Bizets Carmen entsprungen zu sein. Die förmlich auf Wolken schwebenden Pas de deux von Ledian Soto und Francesca Berruto oder später Jose Urrutia und Lucia Solari begeistern ebenso wie Tessa Vanheusdens Solo auf Spitze als Zuckerfee und große Gruppenchoreographien etwa beim bezaubernden Schneeflocken-Ballett oder beim folkloristischen Indischen Tanz. Fonsecas Nussknacker-Traum zeigt, wie diese unsere Welt voller Kriege aussehen sollte, damit das junge Theaterpublikum in eine hoffnungsfrohe Zukunft blicken kann: bunt und laut und vor allem friedlich im heiter-unbeschwerten Miteinander.

Bereits am 2. Dezember 2018 hat um 16 Uhr im Kleinen Haus des MiR eine weitere Produktion für alle ab fünf Jahren Premiere: Der gestiefelte Kater, ein musikalisches Märchen von Peter Francesco Marino. Dabei trifft Musiktheater auf Puppenspielkunst, wenn fünf Holzblas-Instrumente gemeinsam mit einer Puppe auf vier Pfoten das Märchen erzählen. Mit dieser ersten Kooperation des MiR mit der renommierten Berliner Hochschule Ernst Busch erfüllt sich der Gelsenkirchener Intendant Michael Schulz einen lang gehegten Wunsch.

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