Die Philosophie im Boudoir

Publikumsdiskussion über Marquis de Sade und Herbert Fritsch

Flotter Dreier mit Klamotten: Anna Drexler, Jing Xiang, Jele Brückner.
Flotter Dreier mit Klamotten: Anna Drexler, Jing Xiang, Jele Brückner. Foto: Birgit Hupfeld

Nach dem enormen Erfolg mit seiner Berliner Produktion Murmel Murmel hat sich Herbert Fritsch für seine erste Bochumer Inszenierung mit Marquis de Sades Die Philosophie im Bodoir einen ungleich provokanteren Stoff ausgesucht. Und das Publikum ist wie erhofft voll eingestiegen in einen Dialog, der freilich aus Sicht der neuen Theatermacher an der Bochumer Kö allzu heftig geführt wird. Das 1795 erstmals veröffentlichte und seither bis heute völlig zu Recht höchst umstrittene Werk spielt auf einem adeligen Lustschloss in Frankreich. Dorthin haben die 26-jährige Witwe Madame de Saint-Ange und ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Chevalier de Mirvel mit Dolmance einen 36-jährigen gewissenlos-radikalen Libertin eingeladen zu einem Initiationsritus der besonders grausamen Art: Drei seelisch Deformierte führen die 15-jährige Klosterschülerin Eugenie in alle nur denkbaren sexuellen Perversionen ein. Die auch aus heutiger Sicht entgrenzten Ausschweifungen erreichen einen hier nicht zu schildernden Höhepunkt, als Madame de Mistival, Eugenies Mutter, überraschend auftaucht.

„Ein hübsches Mädchen sollte sich damit befassen zu ficken und niemals zu zeugen“: Als Andrea Imler vor fünf Jahren am Schauspiel Köln aus der unterirdischen Vorlage ein intimes, kaum einstündiges Zwei-Personen-Stück destillierte, fanden nur Besucher ab 18 Jahren Zutritt zur Grotte im Theatergarten des Mülheimer Carlswerkes. Eine solche Altersbeschränkung ist für die zweistündige Bochumer Fassung des Chefdramaturgen Vasco Boenisch und des regieführenden Choreographen Herbert Fritsch nicht notwendig: Um Textpassagen aus weiteren Werken de Sades ergänzt fächern die beiden ein zumindest optisch äußerst reizvolles grellbuntes Spektakel auf. Die Wortakrobatik konzentriert sich in comichaft-kindlicher Precis-Form vor allem auf die Begriffe Furzen und Ficken. Die Häufung der F-Worte nervt schon recht bald analog zu den piepsigen Stimmen des sechsköpfigen Ensembles, das ohne direkte Rollenverteilung und in nun wirklich niemanden mehr provozierenden klerikal anmutenden Kostümen agiert. Und leider nur für vergleichsweise wenige szenische Petitessen sorgt. Wer nach Murmel Murmel einen weiteren Fritsch erwartet hatte, sah sich bitter enttäuscht.

v.l. Svetlana Belesova, Anne Rietmeijer, Jele Brückner, Jing Xiang, Ulvi Teke, Anna Drexler.
v.l. Svetlana Belesova, Anne Rietmeijer, Jele Brückner, Jing Xiang, Ulvi Teke, Anna Drexler. Foto: Birgit Hupfeld

Was natürlich vor allem daran liegt, dass der Autor der Vorlage heute gänzlich aus dem Blickfeld selbst ausgewiesener Theatergänger geraten ist. Wer kann sich schließlich noch daran erinnern, dass Herbert Fritsch als Protagonist des Castorfschen Volksbühnen-Ensembles 1997 in Bochum die Titelrolle in Charles Meres Marquis de Sade gespielt hat während der Intendanz Leander Haußmanns? Gerät ein Monolog einmal zu lang, was beim steten Wechsel zwischen Schilderungen sexueller Ausschweifungen, die selbst einem Casanova die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten, und philosophischen Abschweifungen häufiger der Fall ist, wird flugs das Saallicht hochgefahren, um die Konzentration des Parketts zu fördern. Doch die Zuschauer machen diesem Gebaren schon vor der Halbzeit einen Strich durch die Rechnung - und flüchten in Scharen. Sie haben im Grunde genommen nur den zweiten Auftritt der Zopfhang-Artistin Julia Myllykangas verpasst – und die bei Herbert Fritsch stets ausgeklügelte finale Applausordnung der noch um den Pianisten Otto Beatus ergänzten Darsteller Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, Ulvi Teke und Jing Xiang.

Nach der Premiere setzte sogleich eine kontroverse Diskussion ein, wie sie das Theater schon lange nicht mehr erlebt hat – und die dem seit Saisonbeginn unter neuer Leitung stehenden Haus an der Königsallee wie der Gesellschaft überhaupt nur gut tun kann. Muss man Die Philosophie im Boudoir sehen? Natürlich nicht, aber man kann durchaus. Und wenn man sich so richtig geärgert hat, besteht die Möglichkeit, dem Leitungsteam die Meinung zu sagen in der für alle offenen Publikumsdiskussion im Anschluss an die Aufführung am 12. Januar 2019. Ein Vorschlag zur Beruhigung der Gemüter: Die Berliner haben die Bochumer Produktion in höchsten Tönen gelobt, Regine Müller etwa schrieb im Tagesspiegel von einem „Feuerwerk der grenzenlosen Fantasie“ und, da gehe ich d’accord, von einer „schwarzen Messe der Gedankenfreiheit“. Wie wäre es mit einem Austausch zwischen Spree und Ruhr: Die Philosophie im Boudoir gastiert am Lehniner Platz und die Schaubühne an der Königsallee mit einer herrlich überdrehten Ursina Lardi in der Titelrolle der Militär-Klamotte Champignol wider Willen von Georges Feydeau?

Januar
12
Samstag
Samstag, 12. Januar 2019, um 19:30 Uhr Schauspielhaus Bochum , Königsallee 15 , 44789 Bochum Die weiteren Aufführungen: Am 12., 25. und 26. Januar sowie am 2., 9. und 16. Februar 2019, Karten unter tickets.schauspielhausbochum.de oder Tel 0234 /33 33 55 55.
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