Die Frau, die gegen Türen rannte

Debut des designierten Intendanten Hans Dreher

Kinga Prytula als Paula Spencer im Prinz Regent Theater. Foto: Thorsten Schnorrbusch.
Kinga Prytula als Paula Spencer im Prinz Regent Theater. Foto: thorsten schnorrbusch

Bochum. Eine nicht mehr ganz junge, aber trotz im Kegelscheinwerfer erkennbarer Lebensspuren attraktive Frau (Kinga Prytula) steht barfuß an einem langen Tisch, auf dem ein nostalgisch anmutendes Röhren-Radio steht (Ausstattung und Licht: Hans Dreher, Tom Haarmann und Joachim Kiel). Hinten rechts ist das Technikpult des Musikers Manuel Loos erkennbar, hinten links eine Tanzfläche unter einer Disco-Kugel: „Ich bin Alkoholikerin. Das hab ich noch keinem gestanden. Will ja auch keiner wissen.“

Die Frau mit wirrem Haar und auffällig roten Lippen im geschlitzten Jeansrock und gelben Strickpullover, Paula Spencer geb. O'Leary, offenbart in den folgenden neunzig Minuten ihr nun bald 39-jähriges Leben dem zunehmend gebannten Publikum des Bochumer Prinz Regent Theaters in der ersten Inszenierung des designierten Leiters, Hans Dreher, an seiner neuen Wirkungsstätte. Sie erzählt von ihrer großen Liebe Charlo, blickt in ihre Dubliner Kindheit zurück und rekapituliert ihr Dasein als verwitwete Putzfrau, alleinerziehende Mutter von vier Kindern und Alkoholikerin seit frühester Jugend. Sie beklagt, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass sie so dumm nicht sein kann, wie sie sich vor allem selbst eingeredet hat: „Wir kamen als Kinder und wurden zu Tieren. Und keiner scherte sich darum.“

Wer aus einfachen Verhältnissen stammt, muss schon in der Grundschule mit der letzten Reihe vorlieb nehmen. Und wer in der fünften Klasse bereits so gut entwickelte Brüste hat, dass ihre darüber entsetzte Mami, die so früh schon ihr Kind in die Welt der Erwachsenen verliert, ihr zwei BHs kauft und mit ihr im Kino Dirty Dancing anguckt, weil da so viel geküsst und geliebt wird, aber alles ganz clean, muss sich in der Klasse begrabschen und Schlampe nennen lassen. Was sich schlagartig ändert, als Charlo in ihr Leben tritt. Kein schöner Mann, der auch noch nach Zigaretten, Alkohol und Schweiß stinkt, aber ein scharfer Kerl, der sie als erstes draußen im Kornfeld nimmt – und, in den Augen der anderen, aus der Schlampe eine anständige Frau macht.

Die er zwar in all' den siebzehn Jahren betrügt und so heftig schlägt, dass Paula immer wieder behaupten muss, gegen eine Tür oder einen Schrank gelaufen zu sein. Doch ist sie inzwischen nicht wenig stolze Mutter von vier Kindern: Nicola, mit 18 Jahren die Älteste, ist Paulas ganze Freude. Sie hat eine Arbeit, einen netten festen Freund und wird, da ist sie sich ganz sicher, nicht wie sie als Alki landen. Während John Paul, der 16-Jährige, sich früh davongemacht hat und unter Gleichaltrigen irgendwo in einer WG lebt, der Kontakt ist abgebrochen, setzt Paula berechtigte Hoffnungen auf Leanne (12), die eine gute Schülerin ist, und das fünfjährige Nesthäkchen Jack, der im Gegensatz zu seinen Geschwistern ordentlich verwöhnt wird. Nun also ist Charlo, den sie vor Jahresfrist endlich und endgültig vor die Tür gesetzt hat, tot – nach einem Raubmord auf der Flucht von der Polizei erschossen. Doch nachdem ein junger, unbeholfener Polizist diese Nachricht überbracht hat, bekundet Paula offen: „Ich hab ihn geliebt, als ich ihn rauswarf. Ich hab ihn geliebt, als der Bulle klingelte. Ich liebe ihn jetzt.“

An Kinga Prytulas Seite auch szenisch gefordert: der Musiker Manuel Loos.
An Kinga Prytulas Seite auch szenisch gefordert: der Musiker Manuel Loos. Foto: thorsten schnorrbusch

Der 1958 in Dublin geborene Roddy Doyle, der vierzehn Jahre lang Geographie und Englisch an einer Highschool in der irischen Hauptstadt unterrichtete, ist einer der meistgefragten Schriftsteller der Insel, den man hierzulande vor allem durch die Verfilmungen seiner Romane The Commitments und The Snapper kennt. 1994 hat Doyle für die BBC die vierteilige Serie Family geschrieben, die nach Ausstrahlung eine heftige Debatte über häusliche Gewalt auslöste. Aus seinem Drehbuch über eine prekäre irische Familie hat Doyle 1997 den Roman The Woman Who Walked Into Doors destilliert, der in der Übersetzung von Renate Orth-Guttmann und in der Theaterfassung des Regisseurs Oliver Reese am 22. Oktober 2010 in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebte.

Mit einer großartigen Bettina Hoppe und reichlich Popmusik aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, also aus Paulas Jugendzeit, die den Monolog einer alkoholkranken, vom Leben gedemütigten und vom trotz allem geliebten Gatten geschlagenen Frau strukturiert zwischen Sugar Baby Love, bei Paulas erster Begegnung mit Charlo ertönten die Rubettes aus der Musicbox, Barry Ryans Eloise und John Farrers You're The One That I Want. „Mein Leben hat einen tollen Soundtrack“: Den muss nun auf Prinz Regent, ein vergleichsweise schwieriges Unterfangen, Manuel Loos mit Elektro-Beats liefern. Die erstaunlich gut als Emotionsverstärker funktionieren, wie der Musiker überhaupt auch szenisch stark gefordert ist etwa als Polizist - und der seine Sache auch als Requisiteur und kommentierender Ein-Mann-Chor an der Seite der ungemein bühnenpräsenten Kinga Prytula, die 1979 im polnischen Posen (Poznan) geborene Folkwang-Absolventin überzeugte zuletzt in Krieg von Rainald Goetz am Bochumer Rottstr5Theater, sehr gut macht.

„Das war ein schöner Schreck, als mir klar wurde, dass ich dumm war“: Paula ist das schlichte, unauffällige rotblonde Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das in Dublin ebenso wenig Aufsehen erregt wie in den Arbeitersiedlungen des Ruhrgebiets. Das sich danach sehnt, auszubrechen aus der Trostlosigkeit des Alltags - und sich dem Erstbesten an den Hals wirft, der ihr Sicherheit verspricht. Kinga Prytulas Monolog ist so ehrlich wie schamlos, aber auch selbstironisch und witzig: „Typen sind wie Kreuzworträtsel: du kennst die Antwort noch bevor du die Frage gelesen hast.“

Januar
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Donnerstag
Donnerstag, 10. Januar 2019, um 20 Uhr Prinz Regent Theater , Prinz-Regent-Straße 50-60 , 44795 Bochum Karten (16 Euro, ermäßigt 8 Euro) sind onlineprinzregenttheater.de erhältlich oder unter Tel 0234 / 77 11 17.

Weitere Termine:

  • Sonntag, 13. Januar 2019, um 18 Uhr
  • Sonntag, 03. Februar 2019, um 18 Uhr
  • Mittwoch, 06. Februar 2019, um 20 Uhr
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