Der Sommer mit Anaïs

Amour fou-Komödie neu im Kino

Anaïs (Anaïs Demoustier, hinten) ist fasziniert von der Schriftstellerin Emilie (Valeria Bruni Tedeschi).
Anaïs (Anaïs Demoustier, hinten) ist fasziniert von der Schriftstellerin Emilie (Valeria Bruni Tedeschi). Foto: les film Peööéas / Ammée Zéro

Die Literatur-Doktorantin Anaïs (Anaïs Demoustier) ist eine junge Frau um die Dreißig, die im Hier und Jetzt lebt. Sie stellt keine Fragen und macht keine Pläne, sondern folgt impulsiv ihrem Gefühl. Was für die Menschen ihrer Umgebung höchst anstrengend sein kann. Andererseits fasziniert sie mit ihrer charmanten Unmittelbarkeit und verführt die Menschen um sich herum: Als ihr Freund Raoul (Christophe Montenez) bei ihr auszieht, ist sie allein nicht in der Lage, die Miete für die großzügige Pariser Wohnung aufzubringen. Sie hält ihre Vermieterin bei Laune mit der Behauptung, ihr Professor würde ihr eine lukrative Stelle an der Universität vermitteln.

Anaïs hat klaustrophobische Ängste, weshalb sie das Fahrrad statt der Metro nimmt und niemals allein einen Fahrstuhl betritt. So lernt sie den nur DMB genannten Verleger Daniel Moreau-Babin (Denis Podalydès) kennen, der ihr Fahrrad mit in den 16. Stock zur Fete eines befreundeten Paares nimmt. Der verliebt der sich auf der Stelle in die so spontane, sprunghafte Anaïs, die gerade von Raoul schwanger ist und diesem das Recht auf Mitsprache abspricht: Daniel ist gut für die eine oder andere Nacht, aber nicht die große Liebe, die sie nicht müde wird zu suchen.

Als Anaïs ihre Eltern (Bruno Todeschini und Anne Canovas) besucht und erfährt, dass nach sieben Jahren der Leberkrebs ihrer Mutter zurückgekehrt ist, vermietet sie ihre Pariser Wohnung an Asiaten und zieht wieder in ihr Elternhaus in der Provinz ein, nicht ohne zuvor bei Daniel Station zu machen. Wo sie erfährt, dass er der Gefährte ihrer Lieblingsautorin Émilie Dueret (Valeria Bruni Tedeschi) ist. Anaïs lässt ihr Kind von einer befreundeten Ärztin abtreiben und lässt ein sechstägiges Colloquium ihres Professors Christian Jouannet (Grégoire Ostermann) in Rouen, das sie organisieren sollte, sausen, um bei Émilie in der Bretagne sein zu können bei einer ebenfalls mehrtägigen Literaturveranstaltung auf einem Schloss in Guingamp.

Und wieder gelingt es Anaïs, alle in ihren Bann zu ziehen. Ihren jüngeren Bruder Balthazar (Xavier Guelfi) als ständigen Retter in der Not, die Guingamp-Gastgeberin Odile (Annie Mercier), die der mittellosen Teilnehmerin gestattet, die 350 Euro Teilnahmegebühren abzuarbeiten an der Seite des Saisonarbeiters Yoann (Jean-Claude Chlichet), einem jungen Theater-Dramaturgen und Regisseur, der ihr alles durchgehen lässt in der unbegründeten Hoffnung auf Gegenliebe. Anaïs ist jedoch nur an Émilie interessiert, die nach anfänglicher Zurückhaltung bereit ist, mit 56 Jahren ganz neue Erfahrungen zu machen. Nicht aber dafür ihr bisheriges gutbürgerliches (Familien-) Leben zu opfern…

In ihrem Langfilmdebüt entführt die Regisseurin Charline Bourgeois-Tacquet das Kinopublikum in eine Welt zwischen Pariser Großstadtflair und ländlicher Idylle. „Der Sommer mit Anaïs“ ist eine typisch französische, also leichtfüßig erzählte Sommerkomödie über eine junge Frau, die sich kompromisslos dem Gefühl der Leidenschaft hingibt.

Charline Bourgeois-Tacquet im Prokino-Presseheft: „30 zu sein hat etwas sehr Beängstigendes. Plötzlich steht man an einer Art Wegkreuzung mit verschiedenen Möglichkeiten und will auf keinen Fall aus der Kurve fliegen… Auf einmal muss man alle wesentlichen Entscheidungen treffen: Welcher Beruf soll es sein, welche Beziehung will man, womöglich eine Ehe? Kinder oder nicht? Als Frau hat man gerade mal zehn Jahre, um das alles gleichzeitig hinzukriegen, danach ist es zu spät… Mir gefallen die zu Heldinnen stilisierten, sogenannten „modernen“ Frauenfiguren gar nicht, die sich in einem bedeutsamen Beruf verwirklichen, mit einem idealen Mann an ihrer Seite und großartigen Kindern. Ganz ehrlich: Ich halte das für unwahrscheinlich und vollkommen unerreichbar. Als Gegenentwurf dazu wollte ich eine junge Frau zeigen, die ein vielschichtiger Charakter ist. Eine Frau, die in materiellen und existenziellen Schwierigkeiten steckt, die in diesem Alter und in unserer Zeit ganz normal sind. Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst.“

„Der Sommer mit Anaïs“ ist am 10. Juli 2021 als Jubiläumsfilm im Rahmen der Reihe „Semaine de la Critique“ in Cannes uraufgeführt worden. Die 98-minütige Komödie, die das Gefühl der Liebe in all ihren Facetten feiert, startet am 21. Juli 2022 in den deutschen Kinos, in unserer Region zu sehen im Casablanca und Capitol Bochum, Astra Essen und Metropol Düsseldorf.

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