Der Mann mit der Klarinette...

...und die hohe Kunst der Improvisation

Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang.
Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang. Foto: Carola Quickels

Im tiefsten Ruhrgebiet geboren, seit 22 Jahren in seiner Wahlheimat Mecklenburg-Vorpommern lebend, kommt er doch immer wieder gerne zu Stippvisiten ins Ruhrgebiet zurück - der vielfach ausgezeichnete Klarinettist Theo Jörgensmann. Ihm, der als einer der wichtigsten deutschen Jazz-Solisten auf diesem Instrument gilt, ist es maßgeblich zu verdanken, dass die Jazz-Klarinette in den 80er Jahren eine Wiedergeburt erfuhr. Jörgensmann zählt zu den führenden europäischen Klarinettisten im zeitgenössischen Jazz sowie in Grenzbereichen von Jazz und Neuer Musik. Er trat am Freitag (29.3.2019) mit seiner Clarinet Co-Laboration in der Kunsthalle Recklinghausen auf. Am selben Vormittag war er in der halloherne-Redaktion am Kuckucksweg unser Frühstücksgast. Wir haben die Möglichkeit zu einem Gespräch genutzt.

Ja, was soll ich denn spielen? - Bring mal 'ne Klarinette mit.

halloherne: Wann und wie hast du das Klarinettespielen für dich entdeckt?

Jörgensmann: Sehr spät erst, ich war schon 18 Jahre alt. Einer meiner Schulkameraden spielte in einer Dixielandband. Ich war oft bei den Proben oder auch Veranstaltungen dabei. Eines Tages fragte er mich: Du hörst so gerne Musik, warum spielst du nicht selber? Meine Antwort darauf war ein erstauntes: Ja, was soll ich denn spielen? Da es in seiner Familie mehrere Instrumente gab, die im Wohnzimmer vollstaubten, sollte ich mir ein Instrument aussuchen. Der Freund zählte er auf: Ich hab eine Trompete, eine Gitarre, eine Klarinette... Da habe ich dann gesagt: Bring mal 'ne Klarinette mit. Ja, und seitdem spiele ich sie.

Ich bin ein Musikhörer. Ich habe schon immer unheimlich gerne Musik gehört.

halloherne: Warum die Klarinette? Du hättest dir doch auch ein Saxophon oder eine Trompete aussuchen können?

Jörgensmann: Das hat was mit der Ruhrgebietssozialisation zu tun. Zu der Zeit, kannte man im Jazz-Bereich eigentlich nur drei Bands - Chris Barber, Dutch Swing College Band und Mr. Acker Bilk - die immer wieder gespielt haben, und der Acker Bilk, der britische Jazzklarinettist, der gefiel mir.

halloherne: Ist es schwer dieses Instrument zu erler... Jörgensmann: Ja! Besonders für den Jazz-, für den modernen Bereich! Dafür benötigst du einen großen Ton und die Klarinette kann eigentlich schlecht eine Fläche erzeugen. Anders als das Saxophon. Das kann eine Tonfläche erzeugen die trägt und die man sehr gut modulieren kann. Aber mit der Klarinette eine moderne Vision zu finden ist schwierig. Und ich wollte von Anfang an ein moderner Spieler werden - (lächelnd schiebt er hinterher) - obwohl ich nicht wusste, was das ist.

Zu der Zeit wurde hauptsächlich das gespielt, was man als Mainstream oder Modern Jazz bezeichnete, das heißt, es wurden Formen und Harmonien gespielt, die bekannt waren und als Standards bezeichnet wurden. Ich aber wollte die Werte, die in dieser Musik enthalten sind, umsetzen in eine freie, formlose und spontane Musik - aber mit den gleichen emotionalen Werten wie: eine bestimmte Art der Bewegung, ein Swingfeeling oder eine emotionale Farbe.

Mit der Klarinette ist es leichter Swing oder Bebop zu spielen.

Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang.
Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang. Foto: Carola Quickels

halloherne: Also ist die Klarinette nicht das Jazz-Instrument erster Wahl?

Jörgensmann: Für die alten Stile schon. Für die modernen Stile ist es mehr eine Randgeschichte geworden. Es gibt ja weltweit ganz ganz wenig Leute, die nur Klarinette spielen. Die meisten spielen Saxophon und Klarinette als Neben-Instrument. Zudem gibt es auch viel mehr Leute, die Bass-Klarinette spielen als die Klarinette.

halloherne: Welche Instrumente spielst du?

Jörgensmann: Ich spiele nur dieses eine Instrument, und davon die hohen Klarinetten B und G.

Wobei: Wer schon mal in den Genuss gekommen ist und Theo Jörgensmann mit seiner Klarinette live erlebt hat, der möchte das nur im vorausgeganenen Satz sofort ersatzlos streichen.

Mich interessieren die verschiedensten Stilistiken.

halloherne: Was ist die Klarniette für dich nach all den Jahren? Ein Werkzeug, ein Arbeitsgerät, ein Mittel zum Zweck...?

Jörgensmann: Ein Ausdrucksmittel. Ich habe immer experimentelle Musik gespielt und einen künstlerischen Ansatz gehabt! Für mich bedeutet das, dass ich als Musiker etwas hörbar mache, was es gibt, was jeder hörbar machen könnte, was aber nur durch mich selbst, also durch meine Person hörbar gemacht wird. Es ist da, es hört nur keiner. Ich als Person mache es mit meiner Klarinette hörbar, dadurch ist es individuell.

halloherne: Wenn dein Freund und Kollege, der Bassklarinettist Eckard Koltermann, neben Dir steht und auch etwas hörbar macht, hört es sich dann gleich an?

Jörgensmann: Nein, denn jeder macht es anderes hörbar.

Für die, die es nicht verstehen, erklärt es Theo mit Vincent van Gogh: Der hat ja ganz farbige Bilder gemalt, er hat Farben zu einer Zeit benutzt, wo um ihn herum alles noch dunkel, noch grau war. Die Wohnungen waren dunkel, hatten schwere Vorhänge, schwere schwarze Möbel. Alle haben gedacht: Der ist bekloppt. Aber, van Gogh hat diese Farben gesehen und sie gemalt - keiner hat sie zu der Zeit gesehen - heute sind sie Standard.

halloherne: Was macht Deine Klarinette besonders?

Jörgensmann: Es ist keine von der Stange. Ich habe sie mir ganz auf meine Bedürfnisse zusammengestellt, um meinen persönlichen Stil umsetzen zu können. Sie kommt nicht von einem Klarinettenbauer: Der Becher ist zum Beispiel von Richard Müller aus Bremen aus den 40er Jahren. Der hat einfach einen größeren Durchmesser, und somit mehr 'Wumms'. Die Griffstücke sind von Harald Hüyng aus Düsseldorf aus den 90er Jahren, die Birne oder auch Fässchen genannt ist von Wolfgang Dietz aus Neustadt an der Aisch die ist vielleicht etwas 10 Jahre alt.

Eine Antwort zu finden, das ist wichtig in der Improvisation.

Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang.
Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang. Foto: Carola Quickels

halloherne: Muss jemand wie du noch regelmäßig üben? Und wenn ja, was machst du, wenn du übst?

Jörgensmann: Ja, ich übe jeden Tag ein bis anderthalb Stunden - also nicht mehr so viel. Ich übe frei. Manchmal auch nach Noten. Wenn ich Lust habe übe ich eine Etüde (ein Instrumentalwerk für ein Soloinstrument). Aber im Grunde übe ich Reflexe, also Reaktionsgeschwindigtkeit. Das bedeutet, ich spiele etwas und antworte mir darauf. Eine Antwort zu finden, das ist wichtig in der Improvisation. Es muss eine Situation entstehen - und durch die Antwort erhält man die Möglichkeit, diese Situation weiterzuentwickeln. Dazu brauchst du Reflexe.

halloherne: Findest du manchmal auch keine Antwort?

Jörgensmann: Ja, es gibt manchmal solche Situtationen. Das nennt man die schwarzen Löcher. Es gibt Momente, wo man keine Ideen hat oder eigentlich nur seinen eigenen Standart spielt. Oder auch Dinge, die man auswendig gelernt hat. Das sind die Sachen, die am meisten kraftlos sind, die man gelernt hat und dann vorträgt. Ja, man kann sagen runterleiert, auch wenn man sie mit Konzentration und Kraft spielt, aber sie haben die Wirkung nicht.

halloherne: War es für dich schon immer klar, dass du Jazz spielen wolltest?

Jörgensmann: Ja, immer, immer, immer. Ich wollt nur das. Mitte der 60er Jahren rollte ja die Beat-Welle durchs Ruhrgebiet - Beatles, Rolling Stones, die Who oder wer da auch gespielt hat -die haben mich durchaus interessiert. Ich habe die ersten Konzerte von den Beatles und Rolling Stones in der Gruga gesehen. Dann habe ich eben jenen Kollegen gehört, der Jazz spielte. Das mich fasziniert. Ich wollte eine moderne Form des Jazz spielen und da ist dann mehr und mehr eine europäische Improvisations-Musik draus geworden.

halloherne: 50 Jahre Klarinette - was hat sich bei dir geändert?

Jörgensmann: Am Anfang habe ich habe auch mit bestimmten Musikern Fusion-Musik oder auch Hard-Bop-Sachen gespielt - so Sachen von Horace Silver und Art Blakey. Und: Ich habe anders gespielt! Im Laufe der Jahrzehnte habe ich mich verändert. Das heißt, das was ich in den 70er Jahren gespielt oder wie ich gespielt habe, könnte ich heute nicht mehr spielen. Ich habe mich als Mensch verändert, bin handlwerklich besser geworden. Aber ich habe auch eine andere Tonvorstellung bekommen und eine andere Phrasierung - also, so wie ich die Töne gestalte, wie ich sie miteinander verbinde ist ganz anders geworden.

Ein persönliches Lieblingsstück gibt es nicht. Improvisieren ist für mich einfach alles.

Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang.
Theo Jörgensmann - Klarinettist von Weltrang. Foto: Carola Quickels

halloherne: Du bist ja auch Komponist. Was magst du lieber: das Spiel oder das Komponieren?

Jörgensmann: Auf jeden Fall das Improvisieren. Das ist das Wichtigste für mich, weil ich Improvisation auch als spontane Komposition empfinde. Man kann nur improvisieren, wenn man sich jahrelang damit beschäftigt und eine eigene Sprache entwickelt.

halloherne: Ab wann kann ein Musiker improvisieren?

Jörgensmann: Das dauert lange. Ehe man das, was man spielt, also improvisiert, auch selbst empfinden kann, vergehen Jahre. Ein guter Improvisateur muss es empfinden was er spielt. Kann man das, was man spielt nicht empfinden, dann bricht dieser Moment wieder - dann entsteht beim Hörer Langeweile. Der Hörer denkt, was macht der da eigentlich? Was dudelt der da vor sich hin? Und das verbinden viele Leute oft mit Improvisation. Das ist aber keine Improvisation. Selbst wenn du ein Instrument spielen könntest, und du würdest etwas improvisieren, dann ist das oft so wie Klassiker es machen: das nennt man Aleatorik. Das sind Variationen von Tönen, die vorher in der Komposition aufgetaucht sind.

Theo Jörgensmann, der Improvisationsexperte hat die Klarinettenszene belebt.

halloherne: Welche Klarinettisten haben Dich am meisten beeinflusst?

Jörgensmann: Oh, da gibt es mehrere. Die frühen zum Beispiel: Johnny Dodds, einer der ersten Klarinettisten aus der Dixielandzeit, den fand ich faszinierend. Edmund Hall, Tony Scott natürlich, Jimmy Giuffre, Perry Robinson der jetzt gerade vor ein paar Wochen gestorben ist und dem ich viel zu verdanken habe. Er kam Mitte der 70er Jahre ins Ruhrgebiet und hat mit uns gespielt und kein Geld dafür genommen. Von ihm habe ich unglaublich viel gelernt.

halloherne: Mittlerweile hast du 70 Jahre auf dem Buckel und eigentlich das Rentenalter erreicht. Denkt ein Musiker, denkst du auch ans Aufhören?

Jörgensmann: Ja, offiziell bin ich Rentner. Aber ich werde erst dann aufhören, wenn ich merke, dass die Kraft nachlässt. Dass ich die Intensität die ich habe nicht mehr halten kann, dann würde ich nur noch im privaten Bereich spielen.

Der Abend in Recklinghausen

Theo Jörgensmann & Clarinet Co Laboration
Clarinet Co Laboration. v.l. Ove Volquartz, Eckard Koltermann, Theo Jörgensmann (Archiv). Foto: D. Lorenz

Natürlich haben auch einige hallo-Mitarbeiter das Konzert in Recklinghausen besucht. Das Foyer der Kunsthalle in Recklinghausen platzte am Freitag (29.3.2019) aus allen Nähten als Theo Jörgensmann mit seiner Clarinet Co-Laboration aufspielte. Die Klarinette, die nicht „von der Stange kommt“, wurde an diesem Abend von zwei weiteren Klarinetten begleitet: gespielt von Eckard Koltermann und Ove Volquartz. Dazu gesellten sich Stefan Werni mit seinem Kontrabass, Bernd Gramm am Schlagzeug und Ingo Marmulla an der Gitarre.

Die Zuhörer wurden für die schlechte Luft und die zu wenigen Sitzgelegenheiten von diesen großartig aufspielenden Musikern entschädigt. Ihr Spiel fand zusammen, als würden sie immer gemeinsam über die Musik korrespondieren. Eckard Koltermann: „Wir haben drei Stunden zusammen geprobt.“ Sie ließen sich gegenseitig viel Raum und wunderschöne leise Dialoge wechselten sich mit grandiosn Solis ab. Solis, die sich euphorisch steigerten, und in die zart und leise eine weiteres Instrument einstieg um in starken Passagen zueinander zu finden. Passagen, die einluden die Gedanken unbeschwert und gutgelaunt schweifen zu lassen. Die Spielfreude der Ausnahmemusikerr übertrug sich auf die Gäste und war das Stehen allemal wert.

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