Moderne „Faust“-Variante
Das Leben der Wünsche
„Monday, Monday“ – mit dem 1966er Oldie der US-Gruppe „The Mamas and the Papas“ geht’s beschwingt in eine neue Arbeitswoche. Allerdings nicht für Felix Niemann (Matthias Schweighöfer), dessen Autorität bei seiner Tochter Alma (Luise Landau) arg gelitten hat. Bekommt er doch auf die Mahnung: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ die so prompte wie pampige Antwort: „Deines vielleicht nicht.“
Unauffälliger Vierziger in der familiären Krise
In der Tat steckt der unauffällige, durchschnittlicher Vierziger familiär in der Krise. Seine Frau Bianca (Luise Heyer) denkt schon länger an eine Trennung, da die Kinder, neben Alma ist auch Sohn Tom (Anton Landau) weit davon entfernt, sich vom Vater noch etwas sagen zu lassen, allmählich flügge sind und sie wieder als Wissenschaftlerin arbeiten und auf eine längere Exkursion mit ihrem jüngeren Kollegen Ludwig (Jan Lennart Krauter) gehen könnte. Weshalb sie eine Ehe-Pause vorschlägt, in der sie mit den Kindern zu ihren Eltern zieht.
Dass der nur namentlich Glückliche, dessen skeptischer Blick in den Badezimmer-Spiegel die schmerzliche Wahrheit offenbart, dass sein Haar immer schütterer wird, auch beruflich in einer Sackgasse steckt, erfährt er wenig später im Großraum-Architekturbüro (gedreht wurde im Berliner ICC) von seinem selbstüberheblichen „Oasis“-Chef Gideon („Wir leben die Träume“: Benno Fürmann): Die von Felix geleitete Analyseeinheit wird aufgelöst und er mit einer Abfindung von drei Monatsgehältern in den frühzeitigen Ruhestand versetzt. Seinen Job übernimmt die junge, attraktive Jill (Ruby O. Fee), die sich in Gideons Augen allein schon dadurch qualifiziert hat, dass die Getränkespender im Büro nun koffeinhaltiges Wasser enthalten.
„Willkommen im Land der Wünsche“: Am Rande des Abgrunds hilflos durch die allmählich nächtliche Stadt laufend, landet er bei einem freundlichen Herrn namens Kipling (Henry Hübchen), der in seinem Asia-Shop u.a. japanische Daruma-Figuren offeriert. Die dem Besitzer bekanntlich Glück und Erfolg bringen sollen. Bei einem Glas Limoncello bekennt Felix dem geheimnisvollen Mann seine drei größten Wünsche: Seine Frau soll ihm treu bleiben, sein Chef die Kündigung zurückziehen und ihm soll etwas Großes gelingen, das die Menschheit für immer verändert.
Eine magische Nacht
Aber eine magische Nacht wäre auch nicht schlecht, weshalb der schlaue Felix nur den einen Wunsch äußert, dass ihm alle Wünsche erfüllt werden. Wofür er eine Glaskugel erhält, die Felix noch in derselben Nacht testet. Mit Erfolg: Privat, beruflich und sogar gesellschaftlich geht’s steil nach oben. Als er mit Paula (Verena Altenberger) wohl nicht ganz zufällig bei einem Glas Limoncello eine Theremin-Solistin, Chordirigentin und alleinerziehende Mutter kennenlernt, spürt er seit langem wieder ein Kribbeln im Bauch. Alles könnte so schön werden wie sein wieder voller Haarschopf, wenn ihm nicht auch noch seine verborgenen Wünsche prompt erfüllt würden. So gerät Felix immer tiefer in den Strudel seiner dunkelsten Begierden…
Wunschlos glücklich – das ist wohl ein unerfüllbarer Traum. Doch was, wenn auf einmal wirklich alle Wünsche wahr werden – auch die, von denen man bisher nicht einmal wusste, dass man sie hat? Im Jahr 2009 veröffentlichte der österreichische Schriftsteller und Essayist Thomas Glavinic den Roman „Das Leben der Wünsche“. Darin erzählt er die Geschichte eines Werbetexters, der von einem mysteriösen Fremden das Angebot erhält, drei Wünsche frei zu haben – und damit eine Kette von Ereignissen auslöst, die das Leben der Hauptfigur auf den Kopf stellen.
„Das Leben der Wünsche“ kam auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und ist jetzt von Friedemann Karig und Erik Schmitt für die Leinwand adaptiert worden. Mit zwei herausragenden Hauptdarstellern, Matthias Schweighöfer als gebeutelter Familienvater und Henry Hübchen in der Rolle des Teufels, die dieser modernen kapitalismuskritischen „Faust“-Variante Gestalt und Kontur verleihen. Die 95-minütige Komödie ist vom 27. Mai bis zum 12. Juli 2024 in Berlin und München gedreht und am 26. September 2025 auf dem Filmfestival Zürich uraufgeführt worden. Auf die Deutsche Erstaufführung am 28. September 2025 beim Filmfest Hamburg folgt der Kinostart am 13. November 2025, bei uns zu sehen im Union Bochum, in der Lichtburg Essen (Film und Gespräch am 13. November 2025 um 20 Uhr), im Metropol Düsseldorf sowie in den Multiplexen.